Wie man ein schäbiges Interview von einem guten unterscheidet

Manche haben's drauf: Die Fragen und Antworten kommen flüssig daher, und am Ende haben Sie den Eindruck, etwas erfahren zu haben. Andere wiederum können kein Interview führen, und Ihr Finger auf der Fernbedienung bekommt Zuckungen - Sie müssen weg schalten, obwohl Sie sich für den Gast interessieren.

Im Wort "Interviewtechnik" steckt das Wort "Technik"

Und Techniken kann man lernen. Ein gutes Interview zu führen ist einfacher als Sie denken, wenn man die Technik beherrscht.

Dabei ist diese Technik so einfach zu lernen wie Eiscreme zu lutschen.

 

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass es im Interview nicht um den Interviewer geht, sondern um den Interviewten. Das klingt vollkommen einleuchtend, wird aber bei genauerem Hinhören in vielen Fällen vollkommen ignoriert. Wenn Sie das können, haben Sie die funktionierende Interviewtechnik erlernt!

Der richtige Zeitpunkt, um etwas über den Interviewten zu lernen

Hier kommt es nur aufs Timing an. Der richtige Zeitpunkt, um etwas über den Interviewten zu lernen, ist WÄHREND des Interviews. Viele Fragensteller kommen zu einem Interview wie eine überfüllte Enzyklopädie, und als Zuhörer hat man den Eindruck, dass der Interviewer mehr über den Gast weiß als er selbst! Dieses unheimlich umfassende Wissen will der Fragensteller natürlich bei jeder Gelegenheit zeigen, sich in seinem Wissen suhlen, und dabei merkt er gar nicht welch schlechte Figur er macht.

Wenn die Frage lautet "Liebe Frau Meier, Sie sind mit 19 Jahren die jüngste Bürgermeisterin Europas, und haben Ihr Wirtschaftsstudium vergangenen Sommer mit Auszeichnung bestanden. Seither haben Sie eine Budgetreform in Ihrer Heimatgemeinde umgesetzt, einen kostenlosen Kindergarten eröffnet und nebenbei reiten Sie gerne auf Staatsmeisterniveau." - da kann die Antwort nur mehr "Ja!" sein. Wie beleidigend für den Interviewten, nur einen Bruchteil der Redezeit zu bekommen (auch wenn es sich gar nicht um eine politische Konfrontation handelt!)

Als Interviewer haben Sie dumm zu sein

Wie viel interessanter wäre im Vergleich: "Frau Meier, ich weiß gar nichts über Sie, erzählen Sie doch bitte wer Sie sind und was Sie machen?!". Doppelt so interessant? Vier Mal? Zehn Mal? Bei solchen Fragen steht der Interviewte im Mittelpunkt, und plötzlich werden wir viel mehr erfahren.

Straßenkarte, Autobahn und Waldweg

Der Interviewer weiß im zweiten Beispiel genauso viel über die Interviewte, die Herangehensweise ist aber eine völlig andere. Mit einer Art Straßenkarte geht er ins Gespräch, aber anstatt einen Weg von A nach B aufzuzwingen, fragt er das Navigationssystem nach dem Weg. Dabei kommt vielleicht C nach D heraus - ja und? Der Fragensteller kann dann noch immer nach B weiter fragen, denn er kennt sich auf der Straßenkarte aus. Könnte sein, dass er auf diese aktiv zuhörende Wander-Weise auf einige kleine Waldweglein stößt, zu denen er beim Vorbeirasen auf der Autobahn nicht einmal die Abfahrt entdeckt hätte.

Später bleibt noch immer genug Zeit, um wieder auf die Fragenautobahn auf zu fahren, um ein Stückchen weiter zu kommen.

Blöd stehen Sie da, wenn Sie nicht blöd dastehen

Wenn Sie so tun als ob Sie keine Ahnung hätten, geht alles gut. Es kann sogar helfen, tatsächlich nicht viel über den Interviewten oder sein Projekt oder Produkt zu wissen. Denn dann werden Sie genau die Fragen stellen, die sich die allgemeine Zuhörerschaft stellt. So ergibt sich ein natürliches Gespräch, bei dem Sie auf Forschungsreise gehen, und viele interessante Dinge lernen werden.

Sobald Sie damit beginnen, Ihr tolles Wissen auf dem Präsentierteller herum zu reichen, wird es auch den Zuhörerin reichen, im schlimmsten Fall auch dem Interviewten. Hüten sie sich davor, sich selbst ins Rampenlicht zu stellen - dazu sollten Sie die Gelegenheit nutzen, wenn man Sie interviewt.

Wer weiß, wenn Sie gute Interviews machen werden Sie vielleicht schon bald als Spezialist zu Ihrer Technik befragt! Auf alle Fälle werden Sie in Zukunft wissen, warum Sie ein Interview gut finden, ein anderes aber nicht. Viel Spaß beim genauen Zuhören! (und bald werden Sie bemerken, dass sich diese Technik auch im Alltag anwenden lässt!)

 

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©2008 André Karsai
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